Nach dem Walpurgis und diverse weitere Anlässe ausgiebig gefeiert wurden und ich darüber aufgeklärt wurde, mich ab 18 Uhr vom SO36 fernzuhalten, zwecks Einkesselungen und anderen schlimmen Dingen (3 Stunden nicht aufs Klo gehen können und so…), hab ich mich am 1. Mai pünktlich um 18 Uhr Richtung Kottbusser Tor aufgemacht. Noch auf dem Weg zur U-Bahn (mein Fahrrad war mir ausnahmsweise zu wertvoll) lief ich neidisch an gechillten Mitte-Flanieren vorbei, die es bevorzugten gemütlich in Cafés zu sitzen, sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und Revolution Revolution sein zu lassen… Wär es nicht mein erster 1. Mai in Berlin, dacht ich mir…
Schon die U-Bahn gab ganz neue Bilder Berlins preis. Überfüllt, angespannt, die üblichen Schäferhündchen am Kotti wurden wohl nicht erwartet… Warum der 1. Mai in Berlin so ein besonders »revolutionärer« Tag ist, hat mir Wikipedia verraten. Ich schäme mich keineswegs für das fehlende Allgemeinwissen, konnte ich am Abend doch mit meinem neuerlangtem Wissen das ein oder andere Mal beeindrucken.
Krawalltourist wollte ich nicht sein, deshalb war mein Ziel das Myfest, eine großräumige äußerst anarchistische Veranstaltung rund ums Kottbusser Tor und entlang der Oranienstraße, welches durch seine Großflächigkeit gewalttätigen Ausschreitungen entgegenwirken soll. Um ehrlich zu sein, glich das sonst so schöne Kreuzberg an diesem Abend eher einem Schlachtfeld. Rauch, Wasserwerfer und Marsmännchen haben mir am Ort meiner Begierde willkommen geheißen und die Geschichten befreundeter Berliner Anwohner dazu angeregt mal nebenbei das ein oder andere Auge offen zu halten.
Überraschenderweise war das ganze Spektakel dann aber unerwartet friedlich. Auf dem Gelände haben sich die Männer in Grün zurückgehalten, waren kaum sichtbar, auch wenn verkündet wurde, dass sie sich bereits in den Hinterhöfen in Stellung halten. Die oft erwähnten Hubschrauber hab ich wohl überhört, was vermutlich an den vielen Bühnen und der ewig lauten Musik lag. Zwischen den Menschenmassen hab ich ein einziges äußerst verwackeltes Bild ergattern können. Wäre ich doch nur auf die beliebte Leiter Ecke Adalbertstraße/Oranienstraße gestiegen, doch die Schlange war mir zu lang und ich noch zu schüchtern…

Nach einem leckeren Essen (das darf in Kreuzberg einfach nie fehlen), einer selbstgestalteten Lasershow und wippenden Hüften, haben wir uns dann schaulustig Richtung Görlitzer Bahnhof aufgemacht. Die Polizei hatte zu dem Zeitpunkt schon eine größere Absperrung zwischen Kotti und Myfest aufgebaut, an denen nur noch tröpfchenweise Feierwütige ins Fest gelassen wurden. Die Stimmung wurde mit Verlassen des »Geländes« dann doch ein Stück angespannter. China-Böller an nicht ausfindig zu machenden Ecken haben die Situation nicht verbessert… Doch ein Regenschauer hat dann wohl doch noch Schlimmeres verhindert. Beängstigend und doch auch aufregend wurde es dann, als eine Formation von Marsmännchen die Straße zu meiner Arbeit gestürmt haben. Vermutlich aber nur eine etwas nervöse Reaktion auf schallendes Hundegebell, oder war doch die brennende Mülltonne Ecke Reichenberger/Ohlauer dafür zuständig (dort hätt ich fast mal ne Wohnung gefunden…)?Der Görlitzer Park war netterweise mit Flutlichtstrahlern hell erleuchtet. In Mustern angeordnete Bierflaschen ließen das Bild Kreuzberger Sonnenanbeter vom Nachmittag erahnen. Vermutlich wäre der Görli der sauberste Park der Stadt, wäre da nicht dieser verfluchte 1. Mai, nach dem niemand mehr Bock hat die Siffe aufzuräumen… Ich werde das Vorgehen dort morgen persönlich überprüfen und natürlich auch ob Ströbele dort noch immer Hände schütteln und Fotos machen muss
Alles in Allem gabs nix zu sehen, außer guter Musik, einem chaotischen rießigen Straßenfest und vielen netten tanzwütigen oder an Fenstersims’ sitzenden Menschenmassen. Krawall war wenn, dann an anderer Stelle. Vielen Dank Myfest!
Noch ein paar Nette Zitate aus dem Taz-Live-Ticker:
»23.20 Uhr: Berlin-Kreuzberg / Spreewaldplatz
Wo vorhin noch Flaschen flogen, ist jetzt großer Rave angesagt: Mehrere hundert Leute sitzen vor den Kneipen, dicke Bässe wummern, die Antifa-Flagge wippt im Takt.
22.59 Uhr: Berlin-Kreuzberg / Oranienstraße/Ecke Adalbertstraße
Seit Minuten kniet ein Mann vor seiner Freundin und weint. Entweder ist er betrunken oder liebestrunken. In jedem Fall ist es ein Drama. Aber eines der schönen dieses Abends.
21.59 Uhr: Berlin / U-Bahn-Linie 8
Wichtige Info aus dem News-Monitor in der Berliner U-Bahn: Jennifer Lopez berichtet, dass während der Schwangerschaft nicht nur der Bauch, sondern auch die Nase wächst. Aha.